Ich wollte ganz anders in den Frühling starten.
Jeden Tag der Gedanke „Wenn es endlich wärmer ist, dann… “ Dann gehen wir wieder draußen Laufrad fahren. N’s heiß geliebtes Laufrad, das er Roller nennt. Mit dem er die wildesten Kurven fährt. Und Fußball spielen. Ein Tor aufbauen. Treffsicherheit üben. Endlich ein ordentliches Ventil für die ganze über den langen – endlosen – Winter aufgestaute Energie finden.
Dann ein kleiner Ausrutscher auf glattem Parkettboden. Harmlos, aber nach nur einer halben Minute Weinen meines Sohnes weiß ich: Irgendwas passt nicht. Dieses verzweifelte Schreien aus seinem Mund ist neu. Eine Fahrt mit der Rettung und keine zwei Stunden später die Diagnose: Oberschenkelbruch. Sofort in den OP. Bruch stabilisieren.
#mumguilt schleicht sich ein. Hätte ich doch Hausschuhe mitgenommen. Hätte ich doch wenigstens die rutschigen Socken ausgezogen. Hätte, hätte, Fahrradkette, oder wie geht das?
Ich brauche erstaunlich lange, mich damit abzufinden, dass mein Sohn eine ganze Weile lang nicht mehr Laufrad fahren wird. Naiverweise nehme ich zuerst an, nach den verordneten zehn Tagen Ruhe wird er sofort aufstehen und gehen wie immer. Dabei ist klar, dass so etwas nicht von einem Tag auf den anderen geht. Zu groß die Angst und zu schwach die Muskeln. Die aufgestaute Energie, den zusätzlichen Frust – zusätzlich zu dem sowieso vorhandenen, denn mein Kind ist 2 Jahre und 3 Monate alt, sein Wille kennt keine Grenzen, die Leute um ihn herum aber schon – muss er anders als vorher nur mit der oberen Körperhälfte ausleben. Es wird geschmissen, geschrien, gehaut. Um sich geschlagen.
Ich sage mir: so langwierig das jetzt ist, es ist nichts wirklich schlimmes. Er wird wieder ganz gesund. Ein gebrochener Knochen ist nicht das Ende der Welt. Für ihn nicht und für mich erst recht nicht.
Und trotzdem hadere ich. Blicke neidisch auf andere kleine Kinder, die munter durch den Tag springen. Denke mir „er verpasst so viel im Kindergarten, da muss ich sicher wieder mit der Eingewöhnung starten“. Bin zerrissen zwischen meinem Arbeits-Ich, das nicht einfach mal einige Wochen hintereinander Urlaub nehmen kann und meinem Mama-Ich, das sich schuldig fühlt weil ich nicht 24/7 bei meinem verletzten Kind sein kann. Bin aber auch dankbar, dass ich es nicht sein muss. Weil meine Eltern da sind, die uns helfen, bei sich aufnehmen, mehr tun als sie müssten. Freunde kommen, bringen Geschenke. Leute fragen nach seinem Befinden. Nur einer nicht. Ein Schlag in eine Kerbe, von der ich dachte, sie wäre nicht mehr vorhanden. Aber doch.
Dieser Frühling kommt sehr, sehr langsam in die Gänge. Das kalte, graue Wetter spiegelt oft unsere Stimmung wieder. Aber: mir wird hier wieder Geduld gelehrt. Eine Eigenschaft, die ich nicht von Natur aus besitze. Geduld, Geduld, Geduld. Die Erkenntnis, dass es eben manchmal nicht so kommt, wie man es gerne hätte. Dass man Dinge und Situationen oft nicht ändern kann, nur die Art und Weise, wie man damit umgeht. Dass man Leute nicht zu Reaktionen zwingen kann.
Frühling, wir freuen uns auf dich.